Die gute alte Kassette ist ja schon seit einiger Zeit als Hipster-Accessoire ausgelaufen und wird nunmehr höchstens noch von unverbesserlichen Dawanda-Verkäufern und H&M-Filialisten feilgeboten. Wenn also sogar schon das Abbild der Kassette ausgedient hat, dann ist die Frage nach der Struktur hinter dem Simulakrum wohl erst recht obsolet. Doch dies ist der Versuch einer Ehrenrettung. Denn in mindestens zwei Funktionen hat die Kassette nach wie vor uneingeholte Qualität, die sich jenseits der bloßen Retro-Charme-Offensive und der Kinderzimmerhörspielatmosphäre behaupten kann. Es muss also einen Wert der Kassette geben, der über den toten Ast der eigenen Geschichte hinausreicht. Ein Tape bedeutet mehr als eine Jugenderinnerung. Allein, warum bloß?

Das Demo-Tape

Demo-Tapes erfreuen sich im musikalischen Nischenbereichen ungebrochener Beliebtheit. Das mag im digitalen Zeitalter verwundern. Aber die Ablösung vom physischen Datenträger kommt auch immer einer Ablösung vom auratischen Wert gleich, denn Wahrnehmung funktioniert auch noch bei digital natives über die Sinneseindrücke – und diese sind fünffältig: Sehen, Hören, Riechen, Schmecken, Tasten. Alle diese Sinne helfen beim Verbindungsaufbau. Und nichts anderes will eine Band mit ihrem Demo erreichen: Eine (möglichst innige) Beziehung stiften zwischen dem Hörer und der Band. Das erste Argument, das bleibt, lautet also: Authentizität. Ein Tape ist im phänomenologischen Sinne echt. Dieses Argument ist aber noch relativ schwach, da bspw. Schallplatten genauso als echt erfahren werden könnten. Materialität an sich ist demnach nur eine notwendige, aber noch kein hinreichende Bedingung für das besondere Taugen des Tapes. Deutlich ist nur: Die besitzergreifende Dimensionen, die Fan-Verhalten bisweilen erreicht, kann ein digitales Medium nicht so umfassend befriedigen. Die besondere Aufmerksamkeit, die der Aspekt der Materialität zur Zeit erfährt und die sich immer stärker in aufwendig gestalteten special editions ausdrückt, ist eine klassische Schein-Sein-Problematik, ein Kind der digitalen Zeit und letztlich aus dem Missverhältnis zwischen fehlender Wirklichkeit und dem verzweifeltem Wunsch nach Persönlichkeit geschuldet. Bei aller Liebe: Eine (noch so aufwendig gestaltete) Hülle bleibt: eine Hülle. Diesem Argument zur Wertigkeit des Tapes müssen also weitere beigestellt werden. Z.B. das der Selbstbestimmung. Sie ist ein praktisches Argument, das eng an Realisierbarkeit geknüpft ist und mit den Kosten im direkten Zusammenhang steht. Die direkte Aufnahmefähigkeit der (Master-)Kassette ermöglicht es dabei einer jeden Band mit einfachsten Mitteln ein Demo zu produzieren. Dass dabei die Soundqualität von der Boombox im Proberaum bis zur Mehrspur-Aufnahme im Studio stark variiert, versteht sich von selbst. Defacto verbietet sich das Argument der Soundqualität. Denn diese ist erfahrungsgemäß: Geschmackssache. Fest steht lediglich, dass bei einem rein analogen Aufnahmeverfahren die Zeit nicht ausgetrickst wird. Bei einer Liveeinspielung wird gleichzeitig und ganzheitlich aufgenommen und später nicht mehr nachbearbeitet. Der Sound wird daher oft als ehrlicher beschrieben. Dass dieses Verfahren zudem meist günstiger und weniger aufwendig als digitale Studioarbeit ist, ergänzt das Argument um einen weiteren Punkt. Aber nicht nur die Aufnahme ist günstig. Auch die Herstellung und der Vertrieb sind recht einfach und billig. So kostet eine C-22er (2×11min) Kassette ab einer Abnahme von nur 100 Exemplaren 39cent und das Cover lässt sich günstig im Copyshop herstellen. Und aufgrund der geringen Größe und des Gewichts ist der der Versand (auch international) günstig gewährleistet. In nuce: Erhöhte erfahrbare Wertigkeit gegenüber digitalen Medien und einfachere und günstigere Produktion und Distribution gegenüber anderen analogen Medien werden dem Demo-Tape im (DIY-)Underground auch weiterhin ein langes (Über-)Leben sichern.

Das Mix-Tape

Noch niedrigschwelliger – weil einfacher zu realisieren – ist das Mix-Tape. Neben dem Demo-Tape ist es die zweite relevante Nutzungsmöglichkeit des Formats Kassette. Im Gegensatz zur gebrannten CD oder MP3-playlist ist das Zusammenstellen und Aufnehmen eines Mix-Tapes ein ungleich aufwendigerer Vorgang. Ein scheinbarer Nachteil, der sich zum Vorteil wendet, wenn man ein intensiveres Verhältnis zum Gegenstand favorisiert. So benötigt ein Mix-Tape zum einen eine (bevorzugt) analoge Quelle, die per Hand ausgepegelt werden muss; zum anderen ist die Reihenfolge der Lieder auf einem Tape und die Gesamtspiellänge nicht beliebig. Im Gegensatz zum bloßen Zusammenstellen einer Mix-CD oder gar dem Erstellen einer playlist ist das Aufnehmen eines Mix-Tapes dem Vorgang einer Komposition, die ein Werk entstehen lässt, näher. Ein Umstand, der deswegen auch Ausdruck findet in der statischen Wiedergabemöglichkeit. Die Kulturkrankheit des skippens (ADHS) und die geförderte Beliebigkeit der random-Funktion sind dem Hörer eines Tapes per se nicht beiseite gestellt. Und auch im Bereich Soundqualität erfährt der Hörer geförderte Individualität, da jedes Tape-Deck hat einen eigenen analogen Sound hat, der oft als warm, lebendig und authentisch beschrieben wird, denn: „life has surface noise“ (John Peel).

Kommunikation & Komposition

Wenn ein Mix-Tape tatsächlich auch als Komposition gelten kann, an welchen ästhetischen Kriterien soll das Werk dann gemessen werden? Erzählstrang mit Spannungsbogen und / oder Steigerungsverlauf? Welche Rolle spielt der Auftakt (Opener) im Gegensatz zum ungleich schwerer zu positionierenden Schlusstakt? Welche Geschichte wird zwischen diesen beiden Polen gespannt? Und: Wie kann man die Limitierung auf (meist) 90 Minuten im Sinne der Intensivierung nutzen? Lediglich diese letzte Frage lässt sich allgemeingültig beantworten: Über eine Vorauswahl. Sprich: Ein Thema und einen Rezipienten. Denn ein Mix-Tape spricht Erkanntes an Erkennende aus, so dass es bereits beim ersten Hören seltsam vertraut wirkt. Erinnerungen anregend, wie ein akustisches déjà-vu und Zusammenhangserlebnisse schaffend, wie ein offenherziger Augen-Blick.

Vielleicht gibt es deswegen die Hoffnung, dass das Magnetband zwischen den beiden Rollen eine Botschaft transportiert, die den Empfänger mit maximaler Intensität trifft: »Ich liebe Dich«